Erwachsen werden!

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Hannes73
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Erwachsen werden!

Beitragvon Hannes73 » So 20. Nov 2016, 12:22

Ich habe vor Jahren mal ein interessantes Statement zum Thema Crossdressing gehört oder gelesen:

(sinngemäß) während Mädels schon ab Kindergartenalter ihr Interesse für Mode und Schönheit bekunden und ausprobieren dürfen und all das lernen und erfahren, was zu ihnen passt und wie was funktioniert (schminken, stöckeln, usw.) und ihnen auch immer die Freiheit eingeräumt wird, Fehler zu machen und 'das Geschwätz/ den Rock von gestern' schon morgen nicht mehr interessant finden zu müssen (= Schrank ist voll, aber nichts gefällt), fehlt den meisten Männern, die gerne Damenkleidung tragen, oftmals diese lange Entwicklung. Die Folge sind dann oft Kombinationen und Stücke, mit denen die wenigsten Frauen im Alltag herumlaufen würden...

Soll heißen: auch Männer müssen zum Teil erst lernen, was man wie und wo anziehen kann.
UND gaaanz wichtig: sich mit den Klamotten wohl und sicher zu fühlen!!!

Wenn ich mir im Anzug mit Krawatte komisch und verkleidet vorkomme, dann wird das sicherlich nicht mein Freizeit-Dress werden können und ich werde damit auch nicht den Sonntagseinkauf oder Spaziergang bestreiten.
Oder wenn ich gerne Tarnklamotten trage, aber Angst habe, die Leute könnten mich als Neonazi einordnen wollen, dann werde ich mich auch nur auf Haus und Hof beschränken und vielleicht mal heimlich durch den Wald huschen.

Ganz ähnlich verhält es sich doch auch mit der Kleidung aus dem "feindlichen Sortiment". Wenn ich mir nur Gedanken mache, wie das auf andere wirken könnte oder wenn andere dann denken könnten, man sei schwul oder sonstwie "nicht normal" - das muss manN durch!

Es hilft nichts, nur vorm Spiegel zu stehen, sich schön und sexy zu finden und nur davon zu träumen, dass es eines Tage mal die normale Herrenmode wird, damit mann dann erst "ganz normal" und modisch up-to-date vor die Tür treten kann.

ManN muss aber auch seinen eigenen Stil finden. Wie eingangs gesagt: auch modisch erwachsen werden.
Die Leute mit tausend Piercings und Tattoos entsprechen auch nicht MEINEM Schönheitsideal, aber ihrem. Sie finden sich damit schön und fühlen sich wohl und zeigen das auch.

DAS ist das große Geheimnis und Ziel: seinen Stil finden, sich selber wohlfühlen und dies auch selbstbewusst nach Außen vertreten!

Wild onanierend vorm Spiegel stehen hilft da wenig. Erst recht nicht, wenn man es doch gerne gesellschaftlich etablieren möchte.
Da muss manN auf die Straße gehen und zeigen: so geht´s - mir steht´s!

matthias
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Re: Erwachsen werden!

Beitragvon matthias » Mo 21. Nov 2016, 19:33

Hallo Hannes,
du hast da noch einen sehr interessanten Aspekt genannt.

Anzug und Krawatte, in den Spiegel schauen und sich Scheiße finden, aber in der Öffentlichkeit Anerkennung finden, oder krass im Gegensatz, sich mit Rock, Kleid, Strumpfhose im Spiegel toll finden, aber so nicht nach draußen gehen, weil man die Meinung der Öffentlichkeit fürchtet. Ist es nicht so, dass einem mit Anzug und Krawatte die Meinung der Öffentlichkeit egal ist, ja dass sie sogar anwidert, weil sie ganz und gar nicht der eigenen Einschätzung entspricht? Und ist es nicht so, dass mit Rock, Kleid, Strumpfhose die eigenen Befürchtungen, Ängste darüber, was denn die Öffentlichkeit denken könnte, im Vordergrund steht?
Hannes73 hat geschrieben:Soll heißen: auch Männer müssen zum Teil erst lernen, was man wie und wo anziehen kann. UND gaaanz wichtig: sich mit den Klamotten wohl und sicher zu fühlen!!!
Aber ist das alles? Männer haben gelernt: Jeans und dunkelblaues Shirt geht immer. Hier und da ein paar Varianten, aber der enge Spielraum für die Kleidung scheint wohl vielen zu reichen. Ist da nicht zuerst mal ein Bedürfnis auszulösen, dass es außerhalb des eigenen eingeschränkten und eingefahrenen Horizonts auch ganz andere Klamotten gibt, die man ganz einfach mal ausprobieren und vielleicht Gefallen daran finden kann? Ein Beispiel: ich trage gern lange Shirts, Pullover, Jacken, die über den Po oder bis zu den Knien reichen. In der Herrenabteilung heißt 'lang', dass es bis zum Gürtel reicht. Die Teile rutschen immer aus der Hose oder rutschen über den Gürtel. An der Gürtellinie wird es schnell kalt oder man kriegt Zug. Ein anderes Beispiel: Gefallen finden an Farben. In der Herrenabteilung ist da meist nichts zu finden, nur langweiliger Kram in Weiß, Dunkelblau. In den 60ern, 70ern war das auch mal anders. Da gab es poppige heitere Farben. Die heutige Zeit kommt mir da schon vor wie finsteres Mittelalter, nicht nur auf Klamotten, auch auf Autofarben bezogen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der Klamottenverkauf angeheizt werden könnte, dass mehr Umsatz gemacht werden könnte, wenn es eine breitere Auswahl an Unisex gäbe. Aber in der Modeindustrie sitzen offenbar alte verknöcherte Typen, die keinen Wandel wollen.

Dann gibt es da die deutsche Mentalität, die eher auf Trennung, Klassifizierung, Differenzierung beruht, statt auf das Gemeinsame und Harmonische zu setzen. Hier Mann, da Frau, hier Arbeitnehmer, da Hartz4ler, hier Jugend, da Rentner, hier Autofahrer, da Radfahrer usw. usw. Der eine hackt auf anderen rum und sowas ist in der deutschen Gesellschaft wohl en vogue. Ja, es gilt dann noch als schlau und intelligent, wenn man analysiert, seziert und dann Unterschiede auf den Tisch legt. Das finde ich eine völlig verquere Art der Weltsicht. Hier nicht mehr mitzumachen, das Gemeinsame, Friedvolle, Harmonische zu schätzen und zu achten, darin steckt ein erster Ansatz, sich von "gesellschaftlichen Konventionen und Vorurteilen" zu befreien.

Dann kann man sich auch ausprobieren, kann mit Rock, Kleid, Strumpfhose auf die Strasse. Sicher macht es erst Angst. Aber es ist eine schöne Erfahrung, wenn man merkt, dass nichts passiert. Wenn man es öfter und öfter macht, und die Erfahrung, dass noch immer nichts passiert, vertieft sich, dann wird auch die Sicherheit größer. Es ist ein langer Prozess. Und wer erwartet, dass sowas von heute auf morgen geht, verschätzt sich. Also Geduld, viel Geduld mit sich selbst gehört auf jeden Fall auch dazu.
Hannes73 hat geschrieben:Da muss manN auf die Straße gehen und zeigen: so geht´s - mir steht´s!
Es gibt auch Frauen, die sich mal vergreifen, bei denen man denkt, das sieht ja fürchterlich aus. Was aber denkt diese Frau selbst? Weiß man das? Jedenfalls kann man als Mann auch mal einen Fehlgriff machen. Wenn man merkt, dass man ganz fürchterlich rüber kommt, dann muss man auch die Fähigkeit haben, sich selbst verzeihen zu können und aufmerksam zu beobachten und zu lernen, was man tragen kann und wo es eher heikel werden kann. Der Spielraum für die Kleiderwahl ist jedenfalls viel größer als es die armselige Auswahl an Herrenklamotten suggeriert.


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